Leseprobe

Zum ersten Mal begegnete ich Helena an einem warmen Maitag im Park. Gänseblümchen sprenkelten die satte Grünfläche mit weißen Farbtupfern, die Blätter des alten Ahornbaums leuchteten in frischem Frühlingsgrün. Ich saß auf einer Bank und blätterte in einer Illustrierten, die ich zuvor im Tram vom Sitz neben mir geangelt hatte. Da nahm neben mir auf der Bank eine kleine, untersetzte Frau Platz und ließ ihre Füße Zentimeter über dem Boden baumeln. Ihr Alter war schwer zu schätzen. Das schelmische Leuchten ihrer Augen gaben ihr etwas Mädchenhaftes, während ihr Haar, im Nacken zu einem Knoten gebunden, ergraut und ihr Gesicht von Furchen gezeichnet war. Sie musterte mich, dann die Zeitschrift in meinen Händen, und weil ich meine Ruhe wollte, tat ich, als würde ich es nicht bemerken.

»Manche haben Glück«, sagte sie, und es war unüberhörbar, dass sie das Gespräch suchte. Ich schwieg.

»Oder auch nicht. Vielleicht gehts ihr ja so wie Diana. Das fing auch glänzend an. Und dann lief alles aus dem Ruder. Am Schluss endete sie eingeklemmt in einem Auto am Pfeiler eines Pariser Tunnels. Stört es Sie, wenn ich rede?«

Ich blickte auf, wandte mich zu meiner Banknachbarin und fragte mürrisch: »Was haben Sie gesagt? Ich bin gerade am Lesen.«

»Na ja, die beiden da auf dem Titelblatt Ihrer Zeitschrift, William und Kate – was meinen Sie, wo das endet? Egal, mein Leben ist das sowieso nicht. Ihres vielleicht?«

Bevor ich antworten konnte, griff sie in ihre Tasche und zog ein in Frischhaltefolie eingepacktes Irgendwas heraus.

»Tiganites. Mögen Sie eine? Habe ich heute Vormittag für meine Enkelin gebacken. Die sagt immer, ›ach Jaja (Griechisch: Grossmutter), du bist die beste Köchin, die ich kenne‹.«

Die Frau war raumgreifend. Ihre neugierigen Augen spazierten so ungeniert auf meinem Gesicht und meinen Kleidern herum, dass ich mich ihr nicht entziehen konnte.

»Tiganites?«, fragte ich.

»Ah, Sie sind wohl noch nicht weit herumgekommen«, foppte sie mich mit einem herzlichen Lachen. »Das sind griechische Teigtaschen. In meinem Fall mit Honig und Sesam gefüllt. Kommen Sie, probieren Sie, und wenns Ihnen schmeckt, verrate ich Ihnen das Rezept. Können Sie überhaupt backen? Mein Mann nicht. Vielleicht könnte er, wenn er wollte, aber er will nicht. Grieche bleibt Grieche, auch in der Schweiz.«

Und über ihre Teigtaschen kamen Helena und ich ins Gespräch. Ich griff nach einer Tiganita, kostete und bekundete meine Anerkennung, was ich auch getan hätte, wenn sie mir nicht gemundet hätte. So bin ich erzogen worden.

»Sind Sie Griechin?«

»Nein«, sagte Helena mit einer resoluten Bestimmtheit. Sie musterte  mich erneut, als wolle sie prüfen, ob weitere Worte nicht blosse Verschwendung seien. »Wenn man es genau nimmt, war ich mal eine. Aber das wird Sie kaum interessieren, Sie habens ja lieber von Königskindern und dergleichen, und damit kann ich nun wirklich nicht dienen.«

Sie schob mir die Frischhaltefolie mit den Teigtaschen unter die Nase, ich roch den Duft von frischem Gebäck, und weil ich die Dinger wirklich mochte, griff ich erneut zu. Ich hatte Zeit, die Sonne im Park wärmte herrlich, also beschloss ich, noch eine Weile zuzuhören. Wie hätte ich wissen können, dass daraus eine Lebensgeschichte würde, wie ich sie zuvor noch nie gehört hatte!

»Dann sind Sie in Griechenland geboren? Übrigens, die Tiganites sind fabelhaft. Ich kann backen, Sie müssen mir das Rezept geben.«

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