Leseprobe

»Zeit und Raum lösten sich auf. Wir wussten, dass es gefährlich war, sich länger als vierundzwanzig Stunden in dem Haus aufzuhalten. Das Risiko, dass dieser Unterschlupf aufflog oder ein ›Umgedrehter‹ im Haus zugegen war und die Anwesenden verraten würde, war gross. Susanna und ich ignorierten die Gefahr einfach. Diese sorglosen Tage und Nächte gaben uns ein kleines Stück normales Leben: für Stunden vergessen dürfen, was alles passiert war, sich als Mensch und nicht als Kämpfer fühlen … geborgen sein, begehrt, geliebt werden. Das hatten wir uns immer gewünscht, aber nicht getraut; eine normale Beziehung war uns damals in Dolores verwehrt worden. Auch später ergab sich für mich keine Gelegenheit –eine alltägliche Beziehung im Widerstand ist kaum möglich. Es gab Kämpferinnen und Kämpfer die miteinander Sex hatten, das waren aber meistens physische Momente, für Gefühle blieb kaum Platz. Ich selbst trennte Liebe und Sexualität ohnehin. Zu jenem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, dass mein erlittener Missbrauch die Ursache war. Aber als sich Susanna zu mir ins Bett legte, löste sich diese Grenze auf, wir planten nichts, es geschah einfach. Es war das erste Mal, dass ich mit einer Frau schlief. Und diese Mischung aus Sex und Gefühlen … Ich kann das nicht erklären. Es war die totale Verschmelzung. Wir vergassen alles, wollten nicht an morgen denken und nichts anderes machen als uns lieben. Es war wie eine Feuerpause in unseren Leben.

Einer warnte uns, er sagte, ›Haut ab, hier ist es nicht mehr sicher, ihr seid schon viel zu lange hier‹. Es kümmerte uns nicht, es war uns völlig gleichgültig, ob wir leben oder sterben, nur der Moment hatte Bedeutung. Wir blieben die ganze Zeit in diesem Zimmer, redeten, liebten uns, schliefen kurz, redeten weiter und liebten uns wieder. Eine einzige Vorkehrung trafen wir für unsere Sicherheit: Susanna hatte die Maschinenpistole, die sie für einen Kämpfer transportieren sollte, ausgepackt, geladen und neben die Matratze gelegt. Und ich hatte meine Pistole unter mein Kopfkissen geschoben. Das waren die einzigen Zeichen, dass wir nicht ein Liebespaar des normalen Lebens waren.«